GfU Blaubeuren - Gesellschaft für Urgeschichte e.V.
Rückblick auf 2008: Von der Altsteinzeit ins Mittelalter - Von Lilli Prox Rückblick auf 2008: Von der Altsteinzeit ins Mittelalter - Von Lilli Prox
Die Jahresexkursion der GfU führte im Jahr 2008, unter der fachkundigen Leitung von Kurt Langguth, ins Salzkammergut, nach Niederöstereich und Wien. Vom Reiseleiter mit einer sehr informativen, ziemlich dicken Mappe ausgestattet, begaben sich die Teilnehmer auf eine Zeitreise von der Altsteinzeit bis ins Mittelalter. Hier über alle Einzelheiten zu berichten würde den Rahmen des zur Verfügung stehenden Platzes sprengen. Aber einige Höhepunkte und Besonderheiten sollen doch beschrieben werden.

Einer davon war zweifellos die Fahrt nach Wien und der Besuch im Naturhistorischen Museum. Schon allein das Gebäude mit seinen aneinandergereihten hohen Sälen und seiner Kuppel beeindruckte uns. Im 19. Jahrhundert von Gottfried Semper und Karl Hasenauer erbaut, wurde es 1889 eröffnet um die 30 000 Exponate die Kaiser Franz Stephan – der Mann Maria Theresias – erstanden hatte, stilgerecht unter zu bringen. Heute besitzt das Museum 25 Millionen Objekte. Unser Mitglied Ulrich Simon hatte den Museumsbesuch organisiert. Mit Frau Prof. Dr. Teschler-Nicola ging es zunächst in die anthropologische Abteilung des Museums. Sie erläuterte den Befund aus dem Aurignacien in der Höhle von Mladec in Mähren , bestehend aus Schädelteilen, Kiefern , Zähnen und Langknochen von mindestens fünf menschlichen Homo sapiens sapiens-Individuen. In der Diskussion um die Frage der Ablösung des Neandertalers und die Ausbreitung des anatomisch modernen Menschen in Europa nehmen diese Funde eine Schlüsselposition ein. Die erst kürzlich erfolgte absolute Datierung weist das Ensemble mit 31.000 Jahren als einen der ältesten Funde des anantomisch modernen Menschen in Europa aus.

Mit 27.000 Jahren etwas jünger und aus dem Gravettien ist der sensationelle Fund des Kinder-Doppelgrabes vom Wachtberg in Krems, das 2005 geborgen wurde. Ein Film dokumentierte die sorgfältige Freilegung . Die beiden Neugeborenen waren fürsorglich in eine Mulde von 40 cm Durchmesser niedergelegt, mit Rötel bedeckt und mit einem bearbeiteten Mammutschulterblatt zugedeckt worden. Zusammen mit einer Kette als Grabbeilage lässt dies Rückschlüsse auf das Sozialverhalten der Menschen in der Jüngeren Altsteinzeit zu. Offensichtlich galten auch Kinder schon als vollwertige Mitglieder der Wildbeuter-Gesellschaft. Was dann kam, hätten wir in kühnen Träumen nicht zu hoffen gewagt. Frau Prof. Teschler-Nicola führte uns über einige Hintertreppen und Gänge in eines ihrer Arbeitszimmer, zog einen Wagen aus einer Ecke und deckte ihn auf. Und wir standen vor dem Original des kleinen Kindergrabes! Es rührte einen ganz seltsam an, dieses Zeugnis aus so lang vergangener Zeit direkt vor sich zu haben. Zum Abschluß durften wir dem Museum aufs Dach steigen. Hoch über den Dächern von Wien wurde uns ein Glas Sekt und eine optische Stadtführung kredenzt.

Ein weiterer Höhepunkt auf unserer Reise waren die Begegnungen mit der Venus von Willendorf. Zum ersten Mal trafen wir auf ihre Spuren an ihrem Fundort in Willendorf und erfuhren dort die Geschichte ihrer Entdeckung. Bei Arbeiten für einen Bahndamm stieß man auf prähistorische Funde. Daraufhin begannen planmäßige Ausgrabungen . Im August 1908 fand ein Arbeiter in der oberen Kulturschicht der Fundstelle II im Beisein der Archäologen Josef Szombathy, Josef Bayer und Hugo Obermaier unter einer ungestörten Ascheschicht eine etwa 11 cm große Kalksteinfigur. Die „Venus von Willendorf“ hatte nach 25000 Jahren ihren Dornröschenschlaf beendet.

Zum zweiten Mal begegneten wir ihr im Naturhistorischen Museum in Wien. Frau Dr. Walpurga Antl-Weiser, Prähistorikerin und „Hüterin der Venus“ führte uns durch den „Steinzeitsaal“, wo man der Venus ein eigenes kleines Haus mit einer Vitrine aus Panzerglas errichtet hat. Das Original bekamen wir dort allerdings nicht zu sehen, da es zum 100- jährigen Jubiläum des Fundes nach St. Pölten ins Landesmuseum gereist war. Wir ließen uns dies aber nicht entgehen und besuchten sie dort am letzten Tag unserer Reise. Zu diesem Jubiläum hat Walpurga Antl-Weiser der Venus ein Buch gewidmet: „Die Frau von W.“

Für viele Diskussionen in unserem Kreis hat sie gesorgt. Wer hat sie geschaffen? War sie eine Göttin, ein Talismann, das Idealbild einer Frau? Josef Obermaier hat in seinem Tagebuch sehr realistisch vermerkt: „Schematisch-degenerierte Figur, (...) kein Gesicht, nur dick und feminin. Wohlstand, Fruchtbarkeit.“

Zumindest die Frage, ob es sich um eine Frau handelt stellte sich bei der Venus von Willendorf nicht. Dagegen wurde dies heftig diskutiert bei unseren Zusammentreffen mit der Fanny vom Galgenberg. Auch ihr sind wir drei mal begegnet. Dem Original in Wien im „Steinzeitsaal“, in St. Pölten im Landesmuseum bei der Ausstellung zum Venusjahr und an ihrem Fundort, dem Galgenberg bei Stratzing. Die kleine, 7,2 Zentimeter hohe Statuette wurde 1988 von Frau Dr. Christine Neugebauer-Maresch bei ihrer Grabung im Löss des Galgenberges gefunden. Wir trafen Frau Dr. Neugebauer Maresch in Stratzing und sie führte uns auf dem neu überarbeiteten Eiszeitwanderweg zur Fundstelle und erzählte begeistert und ausführlich über die Grabung und die Funde aus der Altsteinzeit. Man fand Steinwerkzeuge, Schmuck und Reste von verschiedenen Tierknochen. Besonders aufschlussreich sind die erhaltenen Spuren von Pfostenlöchern. Ihre Anordnung lässt auf einen überdachten Lagerplatz von 5 x 3 m Größe schließen. Daraus und aus der Fundstreuung kann man erkennen, dass sich eine Gruppe von Menschen über mehrere Wochen hier aufhielt. Wie Frau Dr. Maresch-Neugebauer berichtete, war man bei der Grabung in einer Schicht angekommen, in der kaum noch Funde auftraten, als auf einmal zwei ungewöhnliche Steine auftauchten, die gar nicht zu den übrigen Funden passten.. Ein weiteres Bruchstück kam gleich darauf zu Tage. Es war sofort klar, dass es sich um etwas Besonderes handelt. Weitere Stückchen kamen beim Ausschlämmen des Sediments dazu, bis schließlich diejenigen Teile vorlagen aus denen die Archäologin die „Fanny“ zusammen setzen konnte. Eine flache Halbplastik aus grünlichem Amphibolit-Schiefer die – da gibt es für Dr. Neugebauer-Maresch keinen Zweifel – eine weibliche Figur darstellt. Den Namen Fanny erhielt sie übrigens wegen ihrer besonderen Haltung nach der berühmten österreichischen Tänzerin Fanny Eißler.

Das sensationelle an diesem Fund ist die Einzigartigkeit. Er ist mit seinen etwa 32 000 Jahren das weltweit älteste steinerne Kunstwerk, das eine Menschenfigur darstellt. Die einzigen Parallelen aus diesem Zeitabschnitt sind der Adorant aus dem Geisenklösterle und der Löwenmensch aus dem Hohenstein-Stadel, die aber aus Mammut-Elfenbein hergestellt wurden.

Beeindruckend war auch der Besuch der Grabungsstelle auf dem Wachtberg in Krems. Grabungsleiter Magister Thomas Einwögerer, der beim Fund des Kindergrabes die Grabungsleitung hatte, begleitete uns. Hier, unter mehr als fünf Meter hohen Lössablagerungen, wurden in einer 8 bis 15 cm mächtigen Kulturschicht Tausende von Stein- und Knochenartefakte sowie -Abfälle gefunden. Sie belegen einen Unterstand mit Feuerstelle aus dem Gravettien vor rund 27.000 Jahren. Zudem wurden dort die bisher ältesten Teile von Tonfiguren gefunden. Auch ein Fragment eines gebrannten Tonstückchens mit dem Daumennagelabdruck eine Kindes sorgte für Aufsehen. Die Feuerstelle wurde im Block geborgen und wird nun in einem Container Zentimeter für Zentimeter abgetragen und dokumentiert. Das Kindergrab lag nur wenige Meter neben dem Unterstand.
Die Frage, warum hier so zahlreiche steinzeitliche Funde verzeichnet werden ist gleich beantwortet: Unter der meterhohen Löss-Schicht die in Tausenden von Jahren äolisch (vom Wind angeweht) entstanden ist, wurden die Hinterlassenschaften bestens konserviert.

Einen besonderen Genuss bescherte uns Thomas Einwögerer bei einer weiteren Führung. Nach dem Besuch der Fundstelle Langenlois erwartete uns an der Fundstelle Grubgraben ein Eiszeitorchester. 1994 wurde hier auf einem 19.000 Jahre alten Lagerplatz ein gelochtes Rentierschienbein gefunden. Bernadette Käfer hat in Rekonstruktionsversuchen die Funktion dieses Knochens als Flöte experimentell überprüft. Mit rekonstruierten Instrumenten die von der Flöte, über Horn, Trommel und Klangstäben aus Stein reichten, brachte sie und ihre Mitspieler uns ein „eiszeitliches“ Ständchen.

Bei den Kelten und im Salz waren wir in Hallein und Hallstatt. Das Museum in Hallein ist in der alten „Pfleg“ , dem ehemaligen Salinenverwaltungsgebäude untergebracht. Das 1654 erbaute Gebäude wurde 1970 sehr schön renoviert. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt bei den Ausgrabungsobjekten der keltischen Siedlungs- bzw. Werksanlagen und der Gräberfelder vom Dürrnberg . Während der Blütezeit des Bergbaues im 6. bis 4. Jahrhundert v. Chr. wurden die Salzlagerstätten intensiv genutzt. Zwar war das Salz vom Dürrnberg nicht so rein wie das „weiße Gold“ aus Hallstatt. Trotzdem scheinen die damaligen Bewohner gut von seinem Abbau gelebt zu haben. Die schiffbare Salzach half, den Transport zu bewerkstelligen und Handelskontakte auszubauen. Den beachtlichen Rückfluss von Luxusgütern beweisen reich ausgestatte Gräber. Gefunden wurde neben vielen anderen Objekten auch Bernstein von der Ostsee und eine nach etruskischem Vorbild gefertigte Schnabelkanne.

Hallstatt war unser nächstes Ziel. Zum Gräberfeld, früher am Ausgang eines schwer zu erreichenden Hochtals gelegen, kamen wir ohne Anstrengung mit der Salzbergbahn.
Im Jahr 1846 erkannte der damalige Leiter des Salzbergwerkes, Johann Georg Ramsauer, den Friedhofcharakter des Geländes. Bis 1863 legte er 980 Gräber frei. Seine sehr genaue, zeichnerische Dokumentation der Funde ist für die heutige Auswertung von großem Vorteil. Das Hallstätter Gräberfeld ist eine der bedeutendsten Begräbnisstätten der Alten Welt. Durch das Salz hatten die Menschen das Kapital, sich Luxus leisten zu können. Die zahlreichen Grabbeigaben sind so repräsentativ , dass eine ganze Kulturepoche der europäischen Geschichte von 800 bis 400 v.Chr. danach benannt wurde - die „Hallstattzeit“.

Im Salzbergwerk bekamen wir von Studenten der Universität Wien eine Sonderführung und durften in den Stollen, in dem die aktuelle Grabung stattfindet. Salz wurde in Hallstadt schon seit dem 15. Jhd. v. Chr. abgebaut. Um 350 v. Chr. beendete eine gewaltige Murenkatastrophe, bei der das gesamte Hochtal verwüstet und alle Stollen und Schächte verfüllt wurden, die blühende Hochkultur im Salzbergtal. Heute räumen die Archäologen die Gänge im Bergwerk wieder frei. Durch die konservierende Wirkung des Salzes sind hier viele organische Funde aus Holz, Leder, Fell, Textilien und Gras in gutem Zustand erhalten. Neben Werkzeugen und massenhaft Resten von Kienspänen, die zur Beleuchtung benötigt wurden, fand man auch eine bronzezeitliche „Holzstiege“, mit den Maßen 8m in der Länge und 1,2 m innerer Breite. Die geniale Konstruktion dieser Leiter oder Stiege mit herausnehmbaren Sprossen ermöglichte es, sie zu transportieren und je nach Bedarf flacher oder steiler wieder zusammenzusetzen.

Bei einem Spaziergang durch Hallstatt wartete das Sportgeschäft Janu mit einer kleinen Überraschung auf. Die Geschäftsinhaber zeigen im Keller des Gebäudes Funde aus der Kelten- und Römerzeit sowie aus dem Mittelalter, die hier vor Jahren durch Zufall beim Hausum- und -ausbau entdeckt wurden. Auf kleinstem Raum, aber sehr gut und mit viel Engagement präsentiert. Das Welterbemuseum liegt direkt gegenüber. In 24 Schauräumen zeigt es eindrucksvoll seine Exponate. Geologie, Steinzeit, prähistorischer Salzbergbau, Hallstattkultur und Gräberfeld, die Kelten und die Römer sind nur einige der Themen die hier anschaulich vorgestellt werden. Leider reichte unsere Zeit nicht für alles.

Museen haben wir noch mehrere besucht und Interessantes und Lehrreiches geboten bekommen. Im Urzeitmuseum in Nussdorf begrüßte uns am Eingang ein lebensgroßes Mammut. Drinnen liegen in den Vitrinen Zeugnisse von der Steinzeit über die Bronze- bis zur Eisenzeit.

Eine überraschend umfangreiche Sammlung konnten wir im Krahuletz-Musem in Eggenburg bei einer Führung durch den Museumsleiter Dr. Johannes Tuzar bestaunen. Johann Krahuletz, 1848 – 1928, der Namensgeber des Museums, sammelte leidenschaftlich Erd- und urgeschichtliche Objekte, aber auch „altes Gerümpel“. Er trug alles zusammen was ihm irgendwie von Wert und alt erschien. Für seine Sammlung wurde ihm schließlich aus dem Ausland ein namhafter Betrag angeboten. Krahuletz verzichtete aber auf das Geld – obwohl er in bescheidenen Verhältnissen lebte – und vermachte alles der Stadt Eggenburg. Die Krahuletz-Gesellschaft wurde im Jahr 1900 gegründet und verwaltet noch heute das Museum. Erdgeschichte, Menschheitsgeschichte, Archäologie und Volkskunde werden mit vielen Exponaten veranschaulicht. Prachtstücke von Versteinerungen und Mineralien besitzt das Museum. An Abgüssen des Skeletts von „Lucy“, dem Schädel des „Nussknacker-menschen“ (Zinjanthropus) und eines Skeletts des Homo erectus kann die Entwicklung des Menschen nachvollzogen werden. In der Archäologie reichen die Funde von der Altsteinzeit bis ins Mittelalter.

Im Freilichtmuseum Elsarn waren wir bei den Germanen, auf der Gozzoburg in Krems und auf der Burgruine Aggstein tauchten wir ins Mittelalter ein.

Aber auch für das leibliche Wohl wurde gesorgt. Zum Abschluss gab es einen fröhlichen Abend bei Familie Mößlinger in Stratzing beim Heurigen, wo uns ein üppiges Vesper und einige gute Tropfen geboten wurden. Dass es uns geschmeckt hat, bewiesen die vielen gläsernen Reiseandenken die am nächsten Morgen vor der Heimfahrt eingeladen wurden.

Auf der Heimreise machten wir noch einmal einen Abstecher in die Steinzeit und besuchten das Naturkunde- und Mammut-Museum in Siegsdorf im Chiemgau. Hier wimmelt es nur so von riesigen Tieren. Das ausgestellte Siegsdorfer Mammut ist das größte und vollständigste Mammutskelett Europas. Man fand auch Knochen vom Riesenhirsch, Wollnashorn und Wisent. Das Glanzstück aber ist ein 47000 Jahre altes Skelett eines Höhlenlöwen, auf dessen Knochen Schnittspuren zu sehen sind. 250 Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte und Grundlagen zur Geologie in Südostbayern werden gezeigt. In einer nachgebauten Höhle, für deren Wände man im Hohlen Felsen in Schelklingen Abdrücke genommen hat, wird der Besucher in die Steinzeit versetzt.

Im Hof steht eine Steinmühle in der aus heimischem Gestein wunderschöne Kugeln geschliffen werden. Die allerletzte Gelegenheit für den Einkauf eines Souvenirs.

Die Verfasserin bedankt sich bei Herrn Kurt Langguth für das Korrekturlesen des Exkursionsberichtes.